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Vom fremden Feind zum betrauerten Menschen

Die Menschen einer norwegischen Stadt beerdigen einen jungen feindlichen Flieger und halten sein Andenken in Ehren. Nach fast 50 Jahren kommt es zur Begegnung mit seiner Tochter und zu einem beispielhaften Umgang mit der Geschichte.

Am Beginn dieser Geschichte stehen Geschehnisse, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nicht ungewöhnlich waren: Ein junger Flieger der Deutschen Wehrmacht gilt nach einem Luftgefecht als verschollen und seine Witwe und seine beiden kleinen Töchter werden sehr lange nicht wissen, was aus ihm geworden ist. Und in einem von deutschen Truppen besetzten skandinavischen Land finden die Bewohner der kleinen Stadt Sæbø den Leichnam eines feindlichen Soldaten, beerdigen ihn und verwenden Teile des Flugzeugwracks weiter.

So weit, so traurig – aber nicht einmalig. Besonders wird diese Geschichte durch die bemerkenswerten Menschen in Norwegen: Eine Frau, die ihren Vater im Krieg verloren hat, pflegt viele Jahre lang – heimlich – das Grab des fremden, feindlichen Fliegers. Die Bewohner der norwegischen Ortschaft denken über ihren früheren Feind nach und wollen „ihren“ Deutschen nicht mehr hergeben, als die Soldatengräber in Norwegen zentral zusammengelegt werden.

Und fast fünfzig Jahre später macht sich ein findiger norwegischer Hobbyhistoriker auf die Suche nach der Familie des Verstorbenen. Mithilfe der Telefonbücher der österreichischen Botschaft in Oslo – damals gab es ja noch kein Internet – sucht er mögliche Verwandte des Fliegers und schickt Briefe nach Wien. Ein Brief findet tatsächlich seinen Weg zu einem Verwandten des Verstorbenen und weiter zu der noch lebenden Tochter. 48 Jahre nach dem Absturz des Fliegers erfährt dessen Familie nun mehr über sein Schicksal und seine letzte Ruhestätte.

Aber nicht genug damit, die Norweger laden die österreichische Familie ihres früheren Feindes zu sich ein, damit sie das Grab besuchen und die Menschen dort kennenlernen kann. In den folgenden Jahren entwickeln sich zwischen den Norwegern und Österreichern enge Freundschaften. Die Überreste des Flugzeugs werden zusammengetragen, es gibt Feierlichkeiten am Grab und Diskussionen in der Schule der norwegischen Stadt, u. a. darüber, wie es geschehen kann, dass Minderheiten diskriminiert werden. Eine unglaublich anmutende Geschichte über großzügige, engagierte Menschen, die in einem früheren Kriegsfeind den Menschen entdecken und betrauern konnten.